Denkraum mit Wirkung

Liebe ASFINAG, mein Gehirn war noch nicht im Update.

Abstraktes Beitragsbild zum ASFINAG-Beitrag

Auf österreichischen Autobahnen gibt es Verkehrsbeeinflussungsanlagen. Laut ASFINAG Autobahn Service GmbH dienen sie dazu, „die Verkehrssicherheit zu erhöhen, Staus zu vermeiden und den Verkehrsfluss zu optimieren“. Sie zeigen Tempolimits, warnen vor Nebel oder Glätte, weisen auf Fahrstreifensperren, Staus oder andere Ereignisse hin. Und mein Gehirn hat daraus über die Jahre eine einfache Gebrauchsanweisung gemacht: Da oben steht etwas? Hinschauen. Könnte wichtig sein. Funktioniert wunderbar.

Die ASFINAG nutzt diese Anzeigen aber auch für eine weitere Form der Kommunikation: wiederkehrende Verkehrssicherheitstipps. Und mein Gehirn? Das liest einen Hinweis, das Auto regelmäßig überprüfen zu lassen, und denkt: Na no na net. Ich fahr eh regelmäßig zum Service. Oder es wird daran erinnert, bei Müdigkeit Pausen einzulegen. Na hoffentlich. Mach ich sowieso. Für meine unmittelbare Fahrsituation enthalten diese Botschaften in diesem Moment keine neue Information.

Und genau das hat mich nachdenklich gemacht.

Unser Gehirn lernt. Wir erkennen Muster, verbinden Signale mit Bedeutungen und entwickeln daraus Erwartungen. So filtern wir die enorme Menge an Informationen, die permanent auf uns einwirkt. Eine Überkopfanzeige ist deshalb für mich nicht einfach eine Fläche mit Text. Sie hat eine gelernte Bedeutung: Da steht etwas, das für meine Fahrt relevant ist. Was passiert nun, wenn wir ihren Verwendungszweck erweitern? Wenn dasselbe Signal neben unmittelbar situationsbezogenen Informationen auch allgemeine Verkehrssicherheitstipps transportiert, kommt eine weitere Bedeutung hinzu. Mein Gehirn bekommt also doch sein Update. Nur schreibt es die Gebrauchsanweisung selbst.

Aus: „Da steht etwas – das muss ich wissen.“ könnte mit der Zeit werden: „Da steht etwas. Erst einmal schauen, ob es wichtig ist – oder wieder ein Na-no-na-net.“ Und genau da könnte sich etwas verschieben. Aus dem gelernten „Ist wichtig“ wird irgendwann ein „Na no na net“. Und daraus im ungünstigsten Fall: „Ist irrelevant.“

Nicht, weil sich das Schild verändert hat. Sondern weil mein Gehirn gelernt hat, seine Bedeutung anders einzuordnen. Das muss nicht passieren. Aber aus der Wahrnehmungspsychologie wissen wir, dass Wiederholung, Erwartbarkeit und Erfahrungen beeinflussen, wie viel Aufmerksamkeit wir einem Signal schenken.

Was passiert mit der Wirkung eines etablierten Systems, wenn wir seinen Verwendungszweck erweitern? Diese Frage begegnet uns nicht nur auf Autobahnen. Vielleicht lohnt es sich, nicht nur darauf zu schauen, was ein bestehendes System zusätzlich leisten kann, sondern auch darauf, wie sich dadurch seine bisherige Wirkung verändert.

Ursprünglich auf LinkedIn veröffentlicht

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